MAKA TAO Für die Menschen auf den Philippinen

Ankommen

Seit dem letzten mal ist viel passiert. Es ist ein sehr langsames ankommen und doch scheint die Zeit zu fliegen. Mal freue ich mich wahnsinnig ein ganzes Jahr hier zu bleiben, mal wünsche ich das es bei diesem Urlaubsgefühl bleibt, mal wünsche ich mir eine andere Kultur gewählt zu haben, mal vermisse ich Familie, Freunde und natürlich vor Allem meine Freundin. Doch langsam aber sicher fühle ich mich hier wohl und absolut am richtigen Fleck.

Vor einer Woche nahmen wir am Diocese World Youth Day teil, welcher über einen Abend und Morgen andauerte. Was für ein Kulturschock. Kaum bin ich da, sitzte ich mit geschätzt 400 jungen Menschen gemeinsam in der Kirche. Alle wollen dich kennenlernen, die „Deutschen“ werden mehrfach im Gottesdienst erwähnt, es werden abertausende Bilder gemacht und wir haben innerhalb von 24 Stunden 10 Stunden in der Kirche gesessen. Aber es war toll. Schnell wurden wir aufgenommen und in Gespräche verwickelt. Keiner lässt uns außen vor. Gerade für mich war es nicht so einfach, da ich kein Fan des Smalltalks bin. So wurde ich aber nicht als still wahrgenommen, sondern viel mehr als traurig. Welch ein Schlamassel, da jeder auf mich zukam und fragte wie es mir geht oder warum ich traurig sei. Zu späterer Stunde und nach einer tollen Predigt von Bishop Ric über Liebe,wie auch Liebe zu Gott als Konfession, beschloss ich dann doch wenigstens für 20 Minuten die Flucht zu ergreifen und über alles nachzudenken. Doch nichts da. Kaum draußen, werde ich besorgt von Arnold eingesammelt und mit der Frage konfrontiert ob ich mich nicht wohl fühle. Zudem erfahre ich von der neu eingeführten Ausgangssperre nach 10 pm und deren Sorge, dass ich von der Polizei eingesammelt werde. Also schnell zurück zur Herde. Am nächsten morgen nach erneuter Tanzanimation zum nachahmen, welcher die meisten Pilipinos mit einer für mich unfassbar schierer Begeisterung nacheifern, einer Messe, einem Workshop und natürlich Essen endete der DWYD und damit mein erster tieferer Einblick in die Kultur mit vielen tollen Gesprächen, welche von Religiösität, über Humor, bis hin zur Sexualität der Pilipinos reichte. Zuviel um es hier niederzuschreiben. Wir gewannen viele Bekanntschaften und Freunde, welche uns jetzt schon mit vielen Einladungen und Hilfestellung sehr weitergeholfen haben. Auch kannte uns danach nahezu jeder und wusste, dass wir nun in Alaminos heimisch werden. Auch Facebook, die einzige, aber intensiv, genutzte Social Media Plattform, wusste nun, dass wir da sind, was wohl eine unfassbare Menge an Freundschaftsanfragen mit sich brachte.

Ich bin sehr froh diese Erfahrung so frühzeitig gemacht zu haben, da es uns die Integration wesentlich erleichtert hat. Auch habe ich die Pilipinos dort schon als sehr freudig, lachend, freundlich und interessiert wahrgenommen und schätzen gelernt.

Auch scheinen alle meine, hier doch äußerst seltenen, Dreadlocks zu lieben. So wird mir selbst von Männern auf der Straße hinterhergerufen „I like your hair!“. Mich freut das zutiefst, da eine Freiwillige und Freundin in Indien die Dreads nun rauskämmt. Eine indische Frau hat keine Dreadlocks zu tragen und so werden ihr viele beschämende Blicke zugeworfen.

In der folgenden Woche fing unser Tagalog Unterricht bei Mrs. Santos an. Mir fällt es schwer, da viele Wörter sich für mich doch verdammt ähnlich anhören, doch wir machen Fortschritte und sind eifrig am lernen. Zudem arbeiteten wir mit Noli auf den Reisfeldern, lernen viel über die Flora und Agrarwirtschaft, besuchten das Altersheim in Bolinao, besichtigten das Iplant Projekt in der Nähe von Mangatarem und machten mit neuen Freundin einige Besorgungen wie z.B. eine einfache neue Gitarre, um mir die Musik, vor Allem den Jazz, ein wenig zu wahren. Zudem war ich, die Flipflops mittlerweile aufgrund des losen Halts am Fuß so leid, dass ich mir daraus kurzerhand mithilfe von einfacher Schnur Huaraches bastelte und bin davon doch positiv überrascht. Der Halt ist nun perfekt, wohl aber kein Wunder, wenn einige Leute darin einen Ultramarathon bewältigen.

Die Landschaft ist wunderschön und die Vielfalt der Flora begeisternd. Ich freue mich bereits sehr darauf bei Iplant in den bewaldeten Hügeln leben zu dürfen.

Trotz der vielen tollen Aktionen, bleibt viel Zeit zum nachdenken, Gitarre spielen, lesen und damit einfach Zeit zum ankommen. Mir erscheint dies sehr wichtig.

Letzten Sonntag fuhren wir zum Bolo Beach. Ich war überwältigt. Für mich ist es doch tatsächlich das erste Mal einen einsamen Strand mit Palmen und versteinerten Korallenriffen zu sehen. Als wir dann noch weiter raus auf eine einsame Ecke der Bucht schwammen und von dort aus auf das weite Meer schauten, fing ich, sowie auch Leander, schlicht an zu lachen. Wir waren von dieser unfassbaren Schönheit der Natur (welche die Plilipinos nicht mehr wirklich juckt) schlicht überwältigt.

An das Essen gewöhne ich mich solangsam und haben so auch schon Balut gekostet (gekochtes halb ausgebrütetes Entenei). Dennoch genieße ich das Weißbrot mit Marmelade doch sehr, welches immer mal wieder auf dem Frühstückstisch steht, seitdem ich der Küche als Gastgeschenk Marmelade mitgebracht habe.

Es sind wunderbare Erfahrungen, die wir hier machen dürfen und ich bin wirklich äußerst dankbar.

Einzig wirklich negativ fällt mir auf, wie stark alles verwestlicht ist und wie stark auch der Wille der Menschen ist solchen Idealen zu entsprechen. So hat sich Mrs Santos aufgrund ihrer Hautfarbe und Größe selbst als hässlich bezeichnet, obwohl ich die Pilipin@s als sehr hübsch empfinde. Große Malls zeichnen einen gigantischen Kontrast zu den sari-sari Läden oder dem Markt. Viele der vorzufindenden Marken unterscheiden sich nicht zu unseren, selbstverständlich ist man sehr stolz darauf, und viele Hygieneprodukte scheinen teurer als in Deutschland.

Zudem ist die Infrastruktur sehr schlecht und oft muss man für nur einige Kilometer einige Zeit in anspruch nehmen, wohl auch ein großes Problem der Wirtschaft.

Ich denke dennoch, dass diese wenigen Punkte, meist jedoch der westliche Konsumschwachsinn, schlicht blenden, denn die Schönheit dieses Landes und deren Menschen in allen Facetten erscheint mir sehr faszinierend, spannend und anregend.

Zudem möchte ich noch einige Punkte zur katholischen Kirche in diesem Land verlieren:

Die katholische Kirche ist hier nach Prozentsatz dominanter als in allen anderen Ländern. Jeden Tag findet ein Gottesdienst statt, am Sonntag 5 oder gar stündlich und ein Großteil der Pilipinos ist sehr gläubig. Damit geht eine ziemlich große Macht einher, was natürlich viele als negativ bezeichnen werden. Doch behaupte ich das Gegenteil. Zum einen ist es hier nicht einfach ein Bruder zu werden und vielleicht auch deshalb gehören die Brüder und Schwestern, mit welchen ich mich hier täglich unterhalte für mich zu den Menschen mit dem größten Weitblick. Egal ob aus ökologischer Sicht oder in politischer Meinung. So betreibt Noli im Namen der Kirche unabhängig von Monsanto und Bayer, welche hier natürlich auch eine große Macht besitzen, ökoligische Agrarwirtschaft und es wird dafür gekämpft Drogenabhängigen Möglichkeiten der Rehabilitation zu bieten. Aktuell handelt es sich aufgrund Dutertes strikter Politik gegen Drogen, welche auf eine reine Säuberung ausgelegt scheint, um ungefähr 700 unaufgeklärte Morde seit seinem Amtsantritt vor 2 Monaten. Die Kirche stellt somit, gerade aufgrund der aktuellen Politik, eine äußerst wichtige moralische Instanz dar.

Diese Meinung stellt sich allein aus meinen, bisher wenigen, Erfahrungen zusammen und kann sich von Anderer natürlich unterscheiden.

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Bolo Beach

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Mein guter Hausgeist

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4 Antworten auf Ankommen

  1. Kerstin Winter-Koch

    Hey Großer!
    Schön, dass du uns teilhaben lässt an deinen Gedanken und Gefühlen!
    Im Herzen bei Dir

    Kerstin

  2. Bert Udo Koch

    Hallo Jonathan,

    wunderbar von deinen Erfahrungen, Eindrücken und Ansichten zu lesen. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Bericht.

    Ganz liebe Grüße, Udo.

  3. Ute Stellmacher

    Hallo Jonathan, einfach toll deine Berichte zu lesen. Ich hoffe deine Erfahrungen bleiben so positiv. Mit Spannung warte ich auf den nächsten. Ganz liebe Grüße aus Norden 🙂 Dieter und Ute

  4. Renate Winter

    Hallo, Jonathan, lese mit viel Interesse Deine Berichte und freue mich, dass es Dir gutgeht. Pass‘ gut auf Dich auf.
    Mit vielen Grüßen und Küsschen, Deine Oma aus Kulmbach

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