MAKA TAO Für die Menschen auf den Philippinen

Erfahrungen und Geschehnisse (28.09.2016)

Vor knapp einer Woche wurden 2 Hunde geschlachtet, die bei uns auf dem Hof gelebt habe. Andeng hat sie am Hals aufgehängt, an den Beinen festgehalten und nach einem Schnitt durch die Halsader verbluten lassen. Für mich, jemand, der mit Hunden als Teil der Familie erzogen wurde, ein unangenehmes Erlebnis. Hier ist es schlichtweg eine günstige Möglichkeit Fleisch zu gewinnen. Auch weil die Hunde, obwohl sie bei uns auf dem Hofe gelebt haben, als Streuner gegolten haben.

Die philippinische Beziehung zu Hunden, speziell auf dem Land, habe ich noch nicht verstanden. Sie leben zwar mit in der Familie, werden auch mit Essensresten durchgefüttert und doch fässt man sie weder an, noch scheint irgendeine weitere Bindung zu den Tieren zu bestehen. In der Stadt sind sie meist Haustiere wie wir es kennen und nur wenige würden Hundefleisch essen. Ich hatte das Gefühl, dass es für Städter einen Gewissen „barbarischen“ Touch hat und es nicht als modern gilt. Hier wurden die Hunde für einen Geburtstag Andengs Enkel geschlachtet. Fleisch allgemein ist natürlich ein Zeichen von Wohlstand und es gäbe keine andere Alternative. Das Fleisch kaufen kommt nicht in Frage, zumindest nicht in den Mengen.

Dennoch ist es für mich eine Prägung meiner Kultur, dass Hunde keine typischen Nutztiere sind und wenn überhaupt dann Arbeitstiere. Doch mit welcher Berechtigung? Warum nehme ich von der Sorte Fleisch sofort Abstand? Logisch wäre doch das Fleisch sogar in einem ökologischen Gedanken anzunehmen. Ich nehme die Erfahrung für mich persönlich nochmal als Anlass, um über meinen Konsum nachzudenken.

Denn 1) Es ist bei den heutigen Alternativen (von Soja nehme ich diesbezüglich Abstand) nicht verpflichtend Fleisch zu konsumieren. Das gilt auch für den Bodybuilder.

2) Solange ich nicht persönlich schlachte, weiß ich nicht immer unter welchen Umständen die Tiere ums Leben gekommen sind. Und das Vermeiden von unnötigem Leid ist für mich sehr wohl ein Argument.

3) Wenn wir in einer internationalen Welt mit einer bewussten Nutzung von Landfläche leben möchten, ist es nur logisch kein Fleisch mehr zu konsumieren.

4) Wenn ich einem Tier das Leben nehme, sagt mir meine moralische Instanz doch, dass es sehr wohl ein Unterschied zum abschneiden eines Grashalmes ist, auch wenn man vernünftig anders argumentieren kann.

Vor der Arbeit in den Bergen, gewinne ich immer größeren Respekt. Vor allem der Transport benötigter Werkzeuge, Maschinen oder der Ernte stellt eine erhebliche Aufgabe da, besonders bei Pfaden auf denen ich aufpassen muss mich nicht zu verletzen. Kein Weg ist wirklich befestigt, meistens nur ein nur 2 Mann breiter ausgetretener, steiniger Weg, und es gilt einen 30 m breiten Fluss, entweder auf einer wackeligen Hängebrücke oder aber durch eine Furt, zu überqueren. Der Fußweg beträgt etwa 30 Minuten.

Auch habe ich die letzte Woche an dem Grasdach, der Bambushütte gearbeitet. Eine schweißtreibende Arbeit und obwohl ich in Deutschland härtere Arbeit gewohnt war, bin ich hier nach 3 Stunden absolut unbrauchbar. Das ruhige, stetige Tempo, was zu Beginn sehr gemütlich ausgesehen hat, stellt bei näherer Betrachtung eine große Herausforderung dar und meine Achtung vor dieser Lebensweise wächst täglich. Besonders die nahezu sture Stetigkeit mit welcher schwere Aufgaben erledigt werden begeistert mich.

Anders sein: Nachdem mir mein Gastvater vor einigen Tagen gebeichtet hat, dass aufgefallen ist, dass man meine gänzlich unbekannte Frisur nicht täglich wäscht, gilt sie als eher widerwärtig (Ich verspreche euch die Haare riechen nach Shampoo und sehen in keiner Weise fettig aus). Andeng formulierte es noch drastischer und meinte, wenn ich nähere Freunde finden möchte, muss ich meine Haare am besten abschneiden. So wird das nichts… Und wie erklärt man nun, wenn auch das Englischvokabular nicht ausreichend ist, dass die Talgproduktion natürlich zurückgeht? Auch denke ich mittlerweile, dass mit der Entdeckung Bezug auf mein Eigengeruch als Deutscher genommen wurde. Ich bin mir sicher, dass dieser, trotz 2 Duschen pro Tag, so auffällt, wie uns z.B. ein „Afrikaner“ meist auffällt. Nach erstem Schock, bin ich natürlich sehr Dankbar für seine Ehrlichkeit, denn kaum ein Pilipino würde mir das so eingestehen. Dennoch war meine eigene Erfahrung bisher eine Gegensätzliche. In der Stadt Alaminos wurde die Frisur bei jeder Gelegenheit „gefeiert“. Ich habe mich vor einigen Wochen schon einmal gefragt, weshalb Neues in jeglicher Form meist positiv auffällt, die Pilipinos selbst meist aber Abstand halten. So existiert auch in kleineren Städten nicht das, was wir in Deutschland eine Jugendkultur nennen würden. Ja sogar das, wo ich behaupten würde, dass die meisten von uns sagen würden, dass das doch der besondere Flair der Jugend ist, sich mal daneben benehmen, eigene Erfahrungen sammeln, sich abseits der normalen Wege bewegen. Die gesellschaftlich akzeptierten Wege scheinen einen sehr engen Horizont zu ziehen und gerade durch den Willen sein „Gesicht“ zu wahren gehört zu „anders sein“ sehr viel Mut dazu. Doch würden wir in unserer Kultur nicht sagen, dass es genau das ist ,„der jugendliche Drang die Welt zu verändern“, was die Gesellschaft wachsen lässt ? Ist es nicht die Aufgabe der Jugend weiterzugehen? Oder ist es eben doch nur unreif und nicht angemessen?

Wieder Prägungen meinerseits, die es in Frage zu stellen gilt. Inwiefern ist „konservativ“ gut?

Vor etwa einer Woche habe ich Andengs Onkel kennengelernt. Er arbeitet in Qatar und besitzt eine Taxizentrale. Es ist das 2. typisch philippinische Modell: Oversea Worker.

Es kommt für jeden in Frage, der des Englischen mächtig ist und stellt oftmals eine gute Verdienstmöglichkeit dar. Dennoch bedeutet es seine eigene Familie für mindestens 1 und meistens 2 Jahre zu verlassen. Je länger man bleibt, desto besser ist der angebotene Vertrag. Eine sehr lange Zeit. Nun macht er hier 4 Monate Urlaub, um seine Familie dann erneut zu verlassen.

Für mich war es ein Genuss mich so selbstverständlich auf Englisch austauschen zu können und für einen Moment schienen all die Barrikaden überwunden. Die Wichtigkeit von verbaler Kommunikation ist eben doch nicht zu unterschätzen. Alle Körpersprache scheint nichtig, wenn Gedanken nicht präzise formuliert werden können. Während unseres Gespräches hat sich ein großer oft erwähnter, aber selten wirklich beachteter Unterschied westlicher Kultur und seiner Kultur herauskristallisiert: Alles was er verdient, verdient er für seine Familie. Nie stellt er sich in den Vordergrund, nie geht es ihm nur um sich. Als er mit Europäern gearbeitet hat, wollten alle mit ihm shoppen gehen, feiern gehen, das Leben „genießen“, denn dafür hat man doch hart gearbeitet. Aber immer wieder hat er abgelehnt, denn obwohl er seine Frau und seine Kinder so selten sieht, bedeutet ihm nichts mehr. Es geht nicht um das Individuum, es geht ums Kollektiv. Ich empfinde dafür große Bewunderung.

Als der Alkohol auf der Geburtstagsfeier in rauen Mengen floss und ich mich nun auch dem Karaoke singen hingeben musste, setzte sich ein Mann neben mich. Mit Tränen in den Augen fragte er mich was denn meine Aufgabe sei, ob ich ein Missionary/Volunteer bin. Er sagte mir wie gut es Andeng hier doch geht, dass er keine Probleme hat, aber dass es in vielen Ecken Pakalads anders aussieht. In all seiner Trauer war ich als weißer Mann derjenige dem er mit aller Ehrlichkeit und seiner Hoffnung sein Elend offenbart hat. Ich habe nicht erfahren, was denn sein Elend darstellt und in meiner Überforderung hat das Gespräch in aller Verzweiflung irgendwann ein Ende genommen und dennoch hat es mich schockiert, dass er all das ausgerechnet mir erzählt hat. Der weiße Mann als Heilsbringer? Geldbringer? Ich möchte nicht abstreiten, dass unsere Gesellschaft wie selbstverständlich in großem Reichtum lebt und dies auch auf Kosten anderer und dass es mit einem großen Reichtum verbunden ist nun hier zu sein, das erleben zu dürfen und erleben zu können. Natürlich möchte ich auch zwischen Kulturen vermitteln, aber bin ich deshalb DER „Vermittler“? Welche Verantwortung trage ich als Person meiner Gesellschaft? Ich bin mit der Situation bis jetzt überfordert, aber dennoch macht es erneut deutlich, welches Bild sich der weiße Mann über viele Jahrhunderte erfolgreich erarbeitet hat. Hier in einem Land, welches viele Jahrhunderte Kolonialgeschichte nachzuweisen hat, ist es ganz besonders präsent. Der Stellenwert der christlichen Religion, westlicher Werte und Idole… Ich habe Andeng bezüglich seiner Tradition gefragt, ob er noch einen Teller für die Duwendays (Zwerge) hinausstellt, um ein Teil seines Essens in Dankbarkeit zurückzugeben (so wie es manche als Spiritteller kennen). Er meinte, damals hat er das natürlich noch gemacht, doch heute in der Moderne, bei Internet und Fernsehen, sieht er dafür keine Notwendigkeit mehr. Ich möchte, während dem ganzen Ethnotourismus, der letzte sein , der einer Kultur abspricht „modern“ sein zu dürfen, ihr Leben durch die Errungenschaften der Wissenschaften angenehmer, komfortabler gestalten zu dürfen und dennoch finde ich es schade, dass solche Werte und Gesten von Dankbarkeit und Respekt für alles was ist, war und wird scheinbar einen immer geringeren Stellenwert haben.

Ich denke auch dass es ein Fehler ist einfacheres Leben immer mit traditionellerem Leben gleichzusetzen und auch bin ich nicht hier um die Kultur kennenzulernen, die mal war, sondern um die Kultur kennenzulernen die jetzt ist. Welche Einflüsse, da nun gut oder schlecht sind, welche Verantwortung westliche Firmen für ihre Produkte und Produktion übernehmen müssen, wage ich nicht zu bewerten und liegt auch nicht in meinem Ermessen.

So schließe ich den Bericht und meine Verarbeitung der Erlebnisse und freue mich diese mit euch teilen zu können. Ich stelle viele Fragen für welche ich noch keine eindeutige Antwort gefunden habe, fühlt euch frei Stellung zu nehmen.

Ich besitze aktuell, zumindest in Pakalad, nur sehr schlechtes mobiles Internet. So werde ich Bilder bei nächster Gelegenheit veröffentlichen.

3 Antworten auf Erfahrungen und Geschehnisse (28.09.2016)

  1. Kerstin Winter-koch

    Vielen Dank für deine offenen Worte. Da habe ich ja jetzt auch etwas zum Nachdenken. Ich freue mich auf Bilder. Bewundernswert wie du dich einlässt und welche Fragen du stellst. Und ich bin sicher dein Opa beobachtet deine handwerklichen Fähigkeiten genau und wäre neidisch auf die Anleitung die du bekommst. 🙂
    mit vielen herzlichen und liebevollen Gedanken bei dir!
    Kerstin

  2. Ramey

    Hey Jo, that with the dog meat reminds me of the Heyoka ceremonies among the Lakota. Dog soup was very importantthere, too!
    Take care, my friend,
    Walk in Beauty,
    Ramey

  3. Winter, Renate

    Hallo, Jonathan, ich habe mit Interesse deine Kommentare gelesen und mich gefreut, wie vorsichtig du alles beurteilst. Ja, die Menschen in der weiten Welt leben sehr unterschiedlich und sind auch sehr verschieden.
    Zur Zeit ist Jana bei mir in Kulmbach, wir heben gestern einen sehr schönen Ausflug in die Haßberge unternommen, wäre auch ein schönes Wandergebiet für dich. Wünsche dir weiterhin eine gute Zeit und sei gut behütet, Deine Oma
    Liebe Grüße von Jana

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