MAKA TAO Für die Menschen auf den Philippinen

Land (20.09.16)

Nun bin ich seit knapp 2 Wochen in meinem Projekt angekommen. Ich helfe offiziell im Iplant-Projekt. Ich lebe in Andengs Familie. Ein ruhiges Landleben, eine scheinbar klare traditionelle Rollenverteilung an Mann und Frau. Das Leben hier ist ruhig und so gegensätzlich zu dem was ich in der Stadt Alaminos kennengelernt habe. Man arbeitet gelassen aber stetig in seinem individuellen Tempo. Die Familie und deren Zusammenhalt scheint das höchste Gut. Jeder fühlt sich an sie gebunden. Auf der einen Seite ist es sehr schön zu sehen, wie meine Gastmutter sich um ihre Enkel kümmert als wären sie ihre eigenen Kinder und Erziehung eine kollektive Aufgabe darstellt, auf der anderen Seite ist es keine individuelle Wahl, keine freie Entscheidung.
Ich kann den Wohlstand dieser Familie im Vergleich zu anderen nicht einschätzen, aber Andeng bezeichnet sich persönlich als arm. Besonders zeigt sich dies dadurch, dass ein Arzt nicht mit eigenen Mitteln bezahlt werden kann und Sicherheiten wie in Deutschland, welche im Notfall greifen, existieren schlichtweg nicht.
Die Kommunikation ist in diesen Wochen denkbar schwer. Das Englisch nahezu aller Bewohner im Barangay Pakalad erscheint sehr brüchig und auch wenn ich nachfrage heißt es öfter „its not possible to explain it in english“. So ist das Lernen der Sprache, welche eine Mixtur aus Ilocano und Tagalog darstellt, ein langsamer Prozess. Umso wichtiger ist das reine Beobachten.
Auch deshalb weil wenig geredet wird. Es ist keine Notwendigkeit und das Leben scheint langsam vor sich hin zu wabern. Ich spüre oft neben der großen Freude an kleinen Geschenken des Lebens, glücklichen Momenten, wie erquickender Gesllschaft, ein gewisses bedrückendes Gefühl der Menschen um mich herum. Woher es rührt, wie glücklich die Menschen hier wirklich sind, welche Gefühle ehrlich und welche Gesten die Wahrheit überspülen, wage ich mit meinem begrenzten Erfahrungsschatzes eines Monats nicht zu beurteilen. Zumal ich auch zu wenig über die tatsächlichen Umstände weiß.

Die Planting actions im Iplant Projekt finden nur einmal die Woche statt. Ich dränge besonder Andeng meine Hilfe nahezu auf, habe oft aber auch das Gefühl, dass diese schlichtweg nicht von Nöten ist. Dies bedauer ich auch nicht, denn es gibt mir Zeit und ich versuche mit meiner eher ruhigen beobachtenden Art und Weise die hiesige Kultur kennezulernen, die sich doch so von Allem unterscheidet, was ich bisher in verallgemeinernden Beschreibungen über die Philippinen gehört habe. So lese ich viel und habe vor 2 Tagen begonnen ein neues Baumhaus (eher eine Plattform) zu bauen, da das Alte kurz vorm Einbruch stand und ich den schönen Platz oft genieße. Zudem lerne ich Vokabeln, trainiere gegen Abend und genieße die Natur um mich herum. Auch arbeite ich mit Andeng an einer kleinen Erweiterung einer Bambushütte in den Bergen und bewundere wie Balken selbst geschnitten werden, Nägel recycled werden und kein einziger zusätzlicher Einkauf nötig erscheint.
Und langsam aber sicher fühle ich mich auch in dieser Familie heimisch. Andeng sagt mir ich bin für ihn wie eines seiner Kinder, zugleich sein Gefährte, und mein Gastbruder lädt mich mit aller Herzenswärme ein sein bester Freund und Bruder zu werden.
Doch ist es für mich nicht immer einfach Menschen zu erreichen, da sie sich, zumindest gefühlt, hinter ihrer Scham verstecken und nahezu Angst haben mich anzusprechen. Dies verstärkt sich natürlich, wenn ich nach einer Übersetzung fragen muss und Konversationen endet meistens abrupt wenn dies nicht möglich ist. Eines wird immer klarer: ohne Sprache geht nichts und schon mal gar kein ebenbürtiger Teil der Gesellschaft zu werden. Ich werde oft mit nahezu fanatischen Samthandschuhen angefasst, aber all das doch eher aus Liebe und Fürsorge.
Beispiel: Bei der ersten Pflanzaktion wollte ich meinen Tragekorb mit Setzlingen füllen, nach den ersten 4 musste ich kämpfen 10 mitnehmen zu dürfen. Nachdem ich Andeng gefragt habe wie viele er in aller Regel mitnimmt und diese Frage mit 50 beantwortet hat, ließ mein Stolz es nicht zu weniger als zumindest 25 den Berg hinauf zu tragen.

Dennoch muss ich diese Fürsorge wohl noch überspringen und eisern zeigen, dass ich auch in ihrem Alltag helfen kann und möchte. Ich möchte all die kleinen und großen Fähigkeiten erlernen, die die Notwendigkeiten ihres Lebens formen. Vom Bestellen der Felder bis hin zum bauen einer kleinen Bambushütte. Doch Schritt für Schritt, langsam nehme ich das neue Tempo des Lebens an und genieße es. Raus aus der fanatisch hetzenden Welt des Westens, raus aus aufgezwungenen Pflichten und weg von all den Leuten, die mir sagen, was ich für mein Leben brauche, was ich machen muss, und mir zeigen möchten wie leben funktioniert ohne zu merken, dass sie keine Zeit für ihre Familie haben, Konsumgütern und vermeintlichem Luxus hinterherrennen oder gar Luxus genießen, welcher als Notwendigkeit deklariert wird.
Ich möchte hier keine der beiden Welten bewerten, doch vielleicht Inspiration geben einmal selbst über Gedankengänge nachzudenken, die meinen Kopf hier täglich heimsuchen, mir auffallen, mich selbst hinterfragen.

Alles wird mit einer stoischen Ruhe erledigt und noch nie ist es mir vorgekommen, dass eine Form von Hektik ausbricht und Dinge besonders schnell erledigt werden müssen.
Ruhig aber stetig rollt das Leben vor sich hin. Jeden Tag aufs Neue. Wochenende gibt es nicht, Feierabend kommt wie er kommt, das Wort Urlaub habe ich noch kein eines Mal gehört. Und ich glaube es wäre schon eine irrwitzige Situation, wenn jemand plötzlich sagt: „Mensch ich brauch jetzt wirklich ne Auszeit! Ich bin so ausgebrannt.“ Dennoch sollte man dabei vermutlich nicht vergessen, dass eine Reise in die Ferne zumindest hier auf dem Land nicht finanzierbar wäre, es stellt einfach keine plausible Möglichkeit dar und schon gar kein Ziel auf das man hinarbeitet.
Alles in Allem ist das Leben ein sehr einfaches, es beruht auf dem was man hat und nicht auf dem was man haben könnte. Besitzgegenstände beziehen sich, neben dem Fernseher und evtl noch einer Karaokemaschine immer auf eine tatsächliche Notwendigkeit. Nichts scheint überflüssig und all diese werden gut gepflegt und repariert. Was man selbst machen kann, macht man selbst. Suffizienz bekommt hier ein neues drastischeres Gesicht. Das ist eben der Umgang, den man mit seinen Besitzgegenständen pflegt.

Politik scheint hier nie eine Thematik über die es sich lohnt zu sprechen. Und das trotz all ihrer aktuellen Brisanz. Und mir erscheint es, als wenn man keine Notwendigkeit sieht sich damit zu beschäftigen. Dass diese einen Einfluss auf ihr privates Leben genommen hätte, scheint lange her.
Über meine persönliche Haltung zu diesem arroganten Nationalisten, sowie zur schwachsinnigen Polarisierung auf einen „Drogenkrieg“ möchte ich hier aber nur sehr beschränkt schreiben.
Mir ist hier schnell aufgefallen, dass das Bild der „Deutschen“ vieler Pilipinos durch die vielleicht sogar einmaligen Begegnungen mit Bürgern dieser Nation gefestigt wird. Meist stark positiv, vielleicht zu positiv. Ich möchte kein ultimatives Bilder der Philippinen vermitteln. Denn auch hier sind die Menschen und Subkulturen so unterschiedlich, wie ein Bänker zum Farmer oder der Bayer zum Norder. Jeder sammelt seine persönlichen Erfahrungen und Gedanken und allein die möchte ich euch offenbaren. Nicht zuletzt mit euch Teilen. Denn was besitzt schon einen persönlichen Wert solang man es nicht teilt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.