MAKA TAO Für die Menschen auf den Philippinen

Allein

Über einen Monat konnte ich nun keinen Blog mehr schreiben, da meine Tastatur den Geist aufgegeben hat und ich auch keinen ausreichenden Internetanschluss hatte. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Die gesamten letzten zwei Monate waren für mich emotional sehr schwer. Wo fang ich an? Bis zum 3.11 war ich auf dem Land in Pacalat. Einen guten Monat zuvor habe ich meinen Wechsel in ein anderes Projekt beschlossen. Ich war nun über einen Monat in meinem Projekt, welches keins war. Meine Arbeit sollte seitens meiner Vorgesetzten offiziell das Planting-Projekt der Diözese sein. Als sich herausgestellt hatte, dass dieses praktisch nicht existent ist, bestand mein Leben aus der Mithilfe in meiner Gastfamilie. Dies bedeutete Reis Pflanzen, Reis ernten, Reissäcke (45 Kg) auf dem Kopf tragen. Meine Familie hatte Reisfelder in den Bergen gepachtet. Dies bedeutete jeden morgen 25 Minuten jenseits einer Hängebrücke in Flipflops auf kleinen Pfaden zu den Reisfeldern zu laufen. Die Arbeit war oft hart, wenn ich sie auch mit der wunderschönen Natur sehr genossen habe. Nach und nach wurde ich besser und konnte wenigstens 2/3 der üblichen Geschwindigkeit aufbringen. Auch wurde ich langsam stärker und konnte die Reissäcke auf meinen Kopf heben und auf den oft weiten, schmalen, unebenen Waldpfaden vom Feld zum Karren schleppen oder 2 Reisbündel à 15 kg vom Feld, wo wir sie mit einem Messer abgeschnitten haben, zum Drescher zu tragen. Nicht ganz einfach durch den tiefen Schlamm der Reisfelder und den schneidenden Gräsern, über Steine und Bäche, die mir bis zum Oberschenkel reichten. Es ist eine oft sehr schweigsame, geduldige Arbeit und vor dem, was die Männer leisten, habe ich immer noch großen Respekt. Die Bezahlung ist sehr bescheiden. In der Familie bin ich nie wirklich angekommen. Die Kommunikation war sehr schwer, schon bei sehr einfachen Dingen. Alle sind vor mir zunächst zurückgeschreckt. Meine Mutter hat meine Dreads nicht akzeptiert. Vermutlich noch viel mehr nicht. Tradition war und ist etwas, was omnipresent ist, aber nie ausgesprochen wird. Regeln werden nicht formuliert, aber wer sie nicht befolgt und durchs Raster fällt wird ein schweres Leben haben. Oft habe ich herumgesessen, weil niemand sich helfen lassen wollte. Mal hieß es das sei ein Frauenjob, mal hieß es, es gibt nichts zu tun, mal habe ich Mangels der Sprachbarriere nicht verstanden, was den Tag passiert und habe noch daheim gesessen als alle plötzlich weg waren. Immer hatte ich unendlich viel Zeit zum Nachdenken und an vielen Tagen habe ich 100 gesprochene Wörter nicht überschritten. Das hat es zunächst unmöglich gemacht die Sprache zu lernen, dann auch eine Bindung zu irgendjemandem aufzubauen. Auch der fehlende Körperkontakt, selbst das fehlen einer einfachen Umarmung, hat mich unglaublich einsam werden lassen. Das in einer Zeit zu der ich mein altes Umfeld, besonders meine Familie und Freundin sehr vermisst habe. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, obwohl ich versucht habe dagegen anzukämpfen.
Ich habe mich sehr verloren gefühlt. Ich habe irgendwann jeden Moment darüber nachgedacht abzubrechen, meine Freundin, meine Familie wiederzusehen, nicht herumzusitzen und die Freude am Leben zurückzugewinnen. Ich hatte keinen Austausch. Diese Hilflosigkeit einfach da zu sein aber auch nicht mehr. Immer der Gast zu sein, von allen nur schräg angeschaut zu werden. Natürlich habe ich auf dem Land mit dem Männern nach der Arbeit ab und zu ein wenig getrunken, wie es auf dem Land üblich ist. Es wurde immer wieder viel gelacht oft war es sehr herzlich, aber nie hat es mein Herz berührt und die Situation in meiner Familie hat sich nicht geändert und auch zu Leuten in meinem eigenen Alter hatte ich keinen Kontakt. Oft habe ich heulend an der Wand gesessen, täglich standen mir die Tränen immer wieder in den Augen. Dinge, wie ein starker Sonnenbrand nach nur einer Stunde in der Sonne beim Fischen, die vom Reis aufgeschnittenen Beine, Füße und Arme oder Magen-Darm Probleme haben nicht zur Besserung beigetragen… Schließlich habe ich meine Dreads bis zu einer kurzen Zopflänge abgeschnitten, welche in Deutschland immer ein Zeichen für „das bin ich“ waren, für den, der ich geworden bin. In Deutschland habe ich immer gesagt, dass ich mir meine Dreads nie abscheinden würde. Es war für mich ein Prozess des Loslassens all jener Erfahrungen die ich gesammelt habe, alle meine Freunde und ein Zeichen dafür, dass ich anders bin und das in Ordnung ist. Hier ist es sehr schwer anders zu sein. Schließlich bin ich nach Alaminos gefahren um mit meiner Vorgesetzten zu sprechen mit dem Ziel das Projekt zu wechseln. An dem Tag zuvor habe ich mich meiner Mutter mit meinem Wunsch anvertraut. Ich konnte spüren, wie erleichtert sie war, dass ich keine vollen 6 Monate dort bleibe und auch ich bin an dem Tag mit einem unvorstellbar erleichternden Gefühl aus den Bergen zurückgekehrt. Ich habe mich meiner Vorgesetzten anvertraut und gehofft sie versteht, wie schlecht es mir wirklich geht, dass sie mir vielleicht mit ihrer Erfahrungen in Bezug auf die alten Freiwilligen helfen kann. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass ich nach einem weiteren Monat das Projekt wechseln kann. Ich habe in der Zeit versucht mir zum Beispiel durch tägliches Training Routinen in eine spontane Welt zu bauen, um mir selbst halt zu geben. Nach dem Besuch in Alaminos hat sich die Situation in meiner Familie besonders seitens meiner Mutter entspannt und ich bekam sogar doch noch eine Chance anzukommen. Mein älterer Gastbruder, der mit 28 bereits, wie üblich, das dritte Kind erwartet, ist ein guter Kumpel geworden. Er hat mir Motorradfahren beigebracht und ich konnte mir mit seiner Maschine selbst Lehrstunden erteilen. Ich habe mit ihm Strom in einer Bambushütte verlegt und nach der anschließenden Feier sind wir im stockfinsteren mit Handylampe auf kleinen Pfaden bis zu einem großen Fluss gelaufen, welcher dann mit Handy in der Linken und Flipflops in der Rechten in Klamotten durchquert wurde. Ein ganz normaler philippinischer Heimweg. Wir haben viel
gelacht. Mir ist der Tag gut in Erinnerung geblieben, da es der erste war, an dem ich das Gefühl hatte einen Freund gefunden zu haben, mit dem ich mich Austauschen kann, der mich versteht, der auch Kontakt zu mir haben möchte. Zuvor habe ich mir nun letztendlich in 16 Stunden die Dreads herausgekämmt. Es war ein weiterer Schritt des Loslassens vom Alten, des nach Vorne schauen und vielleicht auch ein verzweifelter Versuch mich anzupassen. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen meine Haare kurzzuschneiden. Für mich würde sich das noch wie mich selbst aufgeben anfühlen. Ich habe an dem Tag mit Tränen in den Augen geduscht. Das Gefühl wie das Wasser durch die Haare rinnt und nicht wie ein Schwamm aufgesaugt wird, die Finger durch die Haare fahren und nicht an den Dreads hängen bleiben und wie sie schnell trocken sind, habe ich fast drei Jahre nicht gespürt. Es war für mich ein festes Gefühl nie wieder der zu sein, der ich war, ein Schritt des Weitergehens. Ich weiss nicht weshalb aber es hat mich in dem Moment unglaublich glücklich gemacht. Mein Umfeld war gespaltener Meinung. Immer wieder war ich beliebtes Thema als „Mädchen“, aber komischer Weise war ausgerechnet die erste die keine Witze gemacht hat, sondern mich als gwapo (handsome) und nicht als maganda (beautiful) beschrieben hat, meine Mutter. Das hat einiges geändert, da sie der Kopf der Familie war, ihre Meinung hat gezählt und ihr Wohlwollen zu haben hat die Situation in der Familie merklich entspannt. Es war offener und dieser ständig kritische Blick, welcher jede meiner Handlungen bewertet, wich langsam einer ehrlichen Herzlichkeit. Hier sind alle extrem Gastfreundlich, aber mehr aus Tradition, es wird erwartet und diese nicht zu gewähren ist eine Schande. Deshalb muss diese nicht aus vollem Herzen kommen. Bis zum Herauskämmen der Dreads war ich für meinen Vater zwar sein Kind, aber für meine Mutter nur Gast, nie teil der Familie. Dort hat sich das geändert. Und dennoch das Vermissen, das Gefühl der Hilflosigkeit, das Fehlen einer Fluchtmöglichkeit, wie zum Beispiel ein Hobby oder auch eine halbwegs gute Internetverbindung, um den Kontakt zu meiner Familie aufrecht zu erhalten, haben weiter dazu geführt, dass ich immer weiter Mauern um mich gezogen habe, mir mein eigenes Gefängnis gebaut habe. Vor einigen Wochen ist mein Handy dann kaputt gegangen. Zu dem Zeitpunkt war es schrecklich auch den letzten Kontakt, die wenigen Textnachrichten am Tag von meiner Freundin und anderen zu verlieren. Es hat mich tatsächlich in die absolute Verzweiflung und Trauer getrieben. Bei dem Versuch es am Abend mit einem Messer (keine weiteren Fragen) zu reparieren, habe ich mir dreimal tief in meine Finger geschnitten und habe dennoch immer weiter gemacht, konnte nicht ablassen. Ich hatte keine Kraft mehr, habe mich so unendlich schwach gefühlt, hatte keinen Bock mehr und der Gedanke abzubrechen, einfach in den nächsten Flieger zu steigen, wurde immer drängender. Ein Schrei nach Erlösung, ein Schrei nach Liebe. Überall die Familie an erster Stelle zu sehen, zu sehen, wie das ganze Barangay Pacalat
eine Familie ist und seiner Eigenen beraubt zu sein, all der Liebe beraubt zu sein, die mir in meinem Umfeld tagtäglich zuteil wurde, wurde ein unglaublich bohrendes Gefühl. Ein Jahr kann verdammt kurz sein, aber in solchen Momenten wird es zur Ewigkeit. 3 Tage später habe ich die Möglichkeit gehabt mir ein neues Handy zu kaufen. Leander, der zweite Freiwillige in der Diözese, hat mich zwei Wochen vor dem Projektwechsel besucht. Ich war sehr erstaunt wie unterschiedlich die Welten auf den Philippinen doch sein können. Er lebte von Anfang an ein deutlich reicheres Leben als meins. Ein Leben in einer normalen Familie in Stadtnähe und mit einem festen Projekt, also einen festen Arbeitsplatz als Routine. Es ging ihm so viel besser als mir. Ich habe mich gefreut, dass er gekommen ist und wir verlebten ein Wochenende. Ich zeigte ihm mein Leben, wir tauschten uns über typisch deutsche Themen aus. Dennoch war ich beeindruckt. Er sprach von einem schlechten Einstiegsgehalt als Lehrer mit 400 Euro, während hier 50 Euro typisch sind. Die Probleme waren ganz andere, zum Beispiel bürokratischer Art, und schienen für mich teilweise fast an der Realität vorbeizugehen, weil keiner in seinem Umfeld auch nur im Ansatz Hunger fürchten musste, das Wetter fürchten musste (habe zwei Taifune erlebt, die in meiner Region glücklicherweise erstaunlich unspektakulär waren), Verluste fürchten musste oder jegliche Art von ernsthaft körperlich anstrengender Arbeit leistet. Er schlief mit Aircondition, während ich ohne Fan sogar dort noch nicht sehr gut schlief. Er war für mich doch wie ein Bote aus einer anderen Welt. Auch hat er bereits nach dem einfachen aber Geduld fordernden Reispflanzen mein Angebot am nächsten Tag mit Ernten zu kommen, und ernsthaft anstrengendere Tätigkeiten zu erfahren, erleichtert abgelehnt. Kann ich verstehen. An dem Wochenende habe ich ein wenig mehr verstanden, wie meine Familie mich gesehen haben muss als ich zu ihnen kam. Das war äußerst wertvoll und auch hat es mir gezeigt, dass ich mich in dem ruhigen Leben doch ein gutes Stück eingefunden hatte. Als meine Vorgesetzte mir einen Tag vor dem geplanten Wechsel gesagt hat, dass ich erst eine Woche später abgeholt werde, hatte ich zwar schon alles gepackt und gewaschen, aber auch die Möglichkeit nochmal in das Leben einzusteigen. Als ich dann tatsächlich abgeholt wurde, hat diese wie typisch 5 Stunden auf sich warten lassen, mir dann aber wiederum vorgeworfen weshalb ich nicht sofort Startklar wäre und mir 5 Minuten genommen habe um meine Sachen zu sammeln. Sie hatte mir persönlich versprochen mich im Projekt vorzustellen und ich habe gehofft sie nimmt meine Bedürfnisse nach den großen Problemen weiterhin sehr ernst. Ich habe gehofft von ihr eine Art Sicherheit zu erhalten, dass sich die Situation bessert. Im Endeffekt hat sie mich im Pfarrheim des neuen Parishs abgesetzt und sich mit dem Chauffeur auf den Heimweg gemacht. Ihre Aufgabe schien damit erledigt zu sein. Ich muss zugeben enttäuscht gewesen zu sein.
Danach wollte ich zum Friseur umd bin der Empfehlung des Tricycle Drivers der Kirche gefolgt. Ich habe mich dann in einem Kleinen Raum wiedergefunden. In der Mitte der Friseur mit Klient, drumherum die Wartenden, daneben ein Fernseher. Als mir aufgefallen ist, dass er nur einen Schnitt beherrscht wurde mir mulmig, aber der Tricycle driver hat mir versichert er ist sehr gut in dem was er tut. Es war für mich zudem das erste mal seit über drei Jahren bei einem Friseur. Am Ende waren meine Haare für meine Begriffe schrecklich zugerichtet, aber ich war eine interessante Erfahrung reicher. Anschließend habe ich das Internet im Pfarrheim sehr genossen. Das erste mal nach einem Monat, dass ich meine Freundin auf Whatsapp anrufen konnte, geschweige denn nach dem Neukauf des Handys Whatsapp herunterzuladen. Das war wunderbar. Zumal meone Freundin an diesem Tag Geburtstag hatte. Danach wurde ich von meinem neuen Gastvater Father Rod abgeholt. Nun wohne ich wieder weit draußen auf einer Farm. Das Haus besteht aus einem Raum im Erdgeschoss plus Küche und 2 Räumen im 1. Stock. Der untere Raum, in welchem wir essen dient täglich auch als Kapelle. Rod ist Landscaper, nebenbei anscheinend auch Father und zuständig für 7 Scholars der Diözese. Drei der Scholars leben mit mir und Rods Schwester auf der Farm. Am ersten Abend hat mich eine sehr reiche Philippino-Amerikanerin mit Father Rod zum Essen eingeladen. Zunächst war ich froh mich mit ihr problemlos in Englisch unterhalten zu können und dachte ich kann mit ihr offen über Dinge bis hin zur Politik reden. Schnell viel die Frage, ob ich Duterte mag und ich habe sie vorsichtig verneint. Nachdem ich erwähnt habe, dass ich die Polarisierung auf das Drogenproblem problematisch finde und auch in Deutschland eine solche Problematik besteht, hat sie über eine Minute immer wieder darauf bestanden ich selbst ein Drogenabhängiger sein muss, um davon zu wissen. Dieses kindische Doch-Nein Gefecht, die scharfe anschließende Aussage ich solle nicht hier sein, wenn ich nicht absolut hinter Duterte stehe und der Fakt, dass ich wenig über sie wusste außer, dass sie superreich ist, hat mir das erste mal wirklich Angst eingejagt. Während dem Essen haben wir uns nahezu ausschließlich über Nationalismus unterhalten und ich wusste nicht mehr in welcher Welt ich mich hier gerade befinde. Ich dachte, so muss Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg gedacht haben. So verrückt nach dem Leben auf dem Land. Der Wunsch nach Deutschland zu fliegen war nie größer. Auf der Farm spät angekommen, wurde mir ein Teil des einen oberen Raumes mit Tüchern abgehängt. Ich besitze eine große Matratze auf dem Boden und sogar einen Fan. Welch ein unbeschreiblicher Luxus, auch wenn ich auf Privatsphäre verzichten muss. Zudem steht vor meinem Bett ein lachender Buddha, während der Rest des Hauses mit katholischen Heiligenfiguren gespickt ist. Zufall? In der Nacht war es kühl und ich habe wirklich sehr gut geschlafen. Am nächsten morgen bin ich derselben Frau auf den Markt gefolgt und
obwohl sie sich verhalten hat als wäre sie ein Mafiaboss und zudem im seidenen Bademantel gegangen ist, schien sie mir doch sympathischer. Am selben Tag habe ich den ersten Segnungsgottesdienst von Rod erlebt. Die besagte alte Frau hat anschließend Geld verschenkt. Ihre Tochter ist Ballerina und hat nebenbei auch schon für Stage in Hamburg getanzt. Am Abend begann das dreitägige Youth Camp „Christ the king“. Hier hat sich vieles langsam geändert. Ich hatte nach 2 Monaten wieder viel Kontakt zu Gleichaltrigen, habe mit ihnen gelebt, besonders Kommunikation war nahezu problemlos möglich und ich war schnell ein Teil der Gruppe. Edwin mit dem ich zusammenlebe ist schnell zu einem Freund geworden und hat mir geholfen mich im neuen Umfeld schnell einzuleben. Ich habe mich nicht mehr alleine gefühlt, bin mehr auf Offenheit als Verschlossenheit getroffen und nachdem ich während dem Eröffnungsgottesdienst meditiert hatte, bin ich langsam dem Gefängnis entflohen, welches ich mir errichtet hatte. An dem Abend habe ich den nun dritten absoluten Neustart beschlossen, habe vergeben, hatte Kraft um nach vorne zu schauen, den Zorn, den ich niemals zeigte, aber sich doch aufgestaut hatte, losgelassen. Der 2. Tag auf dem Jugendcamp begann um 4.30 am. Eigentlich hatte mich Rod eingeladen mit ihm nach Baguio zu fahren aber wie so oft ändern sich Pläne von Gestern am Morgen abrupt. Er ist nach Manila gefahren, ich im Youth Camp geblieben und es war genau richtig. Es gab Talks über den Tag verteilt, welche von konservativem mehr dogmatischen Katholizismus bishin zu einem Ingenieur, welcher sehr open minded mit vielen Beispielen, Übungen und Zeit zur Selbstreflektion über „Wer bin ich“ referiert hat. Zudem hat er den Pilippinos mit dem leeren Blatt und einem leeren Blatt mit einem einfachen Punkt vorgeführt, dass man sich schnell bewertend auf Kleinigkeiten stürzt, die Realität aber verfehlt und in „Schubladen“ denkt. Eine solche bewertende Mentalität in Grenzen von Regeln, Tradition und dem „Bekannten“ ist hier oft sehr präsent und hat mir das Leben nicht immer einfach gemacht. Bei der erwähnten Übung habe ich im übrigen fest darauf bestanden, dass es kein Punkt, sondern ein Blatt mit einem Punkt darauf ist. Ich war froh darum und sah es als Zeichen, dass ich lerne zu sehen. Der Tag verlief bis 12 mit striktem Programm und ich fand es faszinierend, wie die Jugend nach einer Messe und einem Taize Gottesdienst, nach einem langen Tag, voller Begeisterung eine Präsentation ausgearbeitet hat. Ich habe versucht meiner Gruppe zu folgen und habe, da sie in ihrem Dialekt Pangasinaan gesprochen haben, nur verstanden, dass ich eine Rolle spielen soll. Wenige Momente vor meinem „Auftritt“ vor immerhin ungefähr 150 Jugendlichen wurde mir klar was ich so ungefähr machen solle. Es war herrlich. Humor über seine eigene Unfähigkeit wird in einer fremden Kultur schnell überlebenswichtig. Spießer ade. Anscheinend hat mein Auftritt, welcher mit den Worten begann „Ich weiss absolut nicht was ich hier mache“ großen Anklang gefunden. Am Sonntag war eine große Prozession und Messe angesetzt und der Tag ging schnell vorbei. Am Ende hatte ich viele interessante Menschen getroffen,
Freunde gewonnen und fühlte mich so viel lebendiger als noch ein paar Tage zuvor in Pacalat. Montag war mein erster Arbeitstag in den „Missionaries of charity“. Ein Heim für verlassene und unterernährte Kinder, sowie behinderte alte Menschen vom Orden Mutter Theresas. Als ich meine Vorgesetzte am Tag des Projektwechsels gefragt habe, ob der Orden weiß, dass sie plant mich ich dort als Volunteer mithelfen zu lassen, hat sie verneint und mir versichert dort noch anzurufen. Als ich dann dort war, wurde schnell klar; sie hat es nicht getan. Immerhin soll ich dort 9 Monate arbeiten. Ich war eine Überraschung, aber schnell eine Herzliche. Die Reise von der Farm zum Projekt ist leider ein langes Abenteuer und beinhaltet ein Tricycle, ein Jeepney und eine Busfahrt. Es dauert 1 ½ bis über 2 Stunden und kostet im Monat das, was auf dem Land noch ein typisches Monatseinkommen war. Ich denke aber ich habe mich daran schnell gewöhnt und es gibt einige, welche aus der Gegend von Gueset täglich nach Dagupan reisen, um z.B. die Universität zu besuchen. Am ersten Tag habe ich im Kinderheim angefangen. Es war sehr herzöffnend. Die Kinder hatten mich schnell ins Herz geschlossen und ich konnte mich vor Umarmungen, Knuddeln, und guter Laune bald kaum noch retten. Nach zwei Monaten in einer Tradition, in der Familie zwar an erster Stelle steht, Körperkontakt aber praktisch nicht existent ist, kombiniert mit der Einsamkeit, welche mich immer wieder heimgesucht hatte, war es Gold für die Seele. Nach all dem hatte ich das Gefühl es wird sich alles zum Guten wenden, es geht endlich bergauf, endlich komme ich an, endlich ist nicht mehr jeder Tag ein Kampf um den inneren Frieden, um eine Zufriedenheit. Hier bin ich selbstständiger, kann mehr Möglichkeiten wahrnehmen, das Leben wird bunter und die positiven Erfahrungen überwiegen den Negativen. Ich hoffe sehr die nächsten Monate sind voller neuer Erfahrungen, spannend und lehrreich, aber auch emotional einfacher als die verlebte Zeit. Ich bin dankbar für die unzähligen Erfahrungen, welche sich in einem Blog gar nicht zusammenfassen lassen. Darunter auch viele Positive, wie eine Hochzeit an welcher wir am Tag zuvor ganze drei Schweine geschlachtet haben und in die Nacht gefeiert haben. Oder Wichtige, wie dass Freiheit für mich Bindung bedeutet, das sich die Zeit in welcher Neues immer besser als altes ist, ich an allem zwar hochinteressiert bin, aber mich zu nichts verpflichte, langsam endet. Wie auch, dass der einzige Kampf, den ich führe, der gegen mich selbst ist und ich diesen auch noch lange führen werde. Es war eine zwar oft sehr ruhige, aber auch unglaublich intensive Zeit. Ich habe in dem Blog diesmal versucht meine Gesamtsituation zu schildern, das darzustellen, was mich bewegt aber es gäbe noch so viel mehr zu sagen…

4 Antworten auf Allein

  1. Ramey

    Hi Jonathan,

    I just finished reading your blog entry. You’re on your way. Thank you for sharing. Maybe now that you’re surrounded by huggers, you’ll want some of that loneliness again someday. Now is YOUR time, to grow, to learn, to let things be, to make things change. It’s an intense time, an exhausting time, a once in a life time. I wouldn’t trade with you for the world, at least not now. Maybe the next time around. Be strong, be PATIENT, be yourself.
    Love,
    Ramey

  2. Sean-Marc Merten

    Hey mojo … freut mich sehr zu hören das du an dem neuen ort zufrieden bist …
    Egal was da kommt … es gibt nichts was du nocht schaffen könntest denk daran
    Liebe grüße dein Sean

  3. Renate Winter

    Hallo lieber Jonathan, hallo lieber Enkel, hallo lieber Cousin;)

    wow, ich bin gerade sehr berührt und weiß nicht was ich schreiben soll. Mmmmhh. Ok. Ich fang einfach mal an;)

    Ich finde es toll, dass du alles so vom Herzen heraus und ehrlich schreibst und bin beeindruckt, dass du nicht in Deutschland bist.
    Nach all dem was du erlebt hast finde ich es unglaublich, dass du es geschafft hast, all das hinter dir zu lassen, nach vorne zu schauen und dort zu bleiben. Das war bestimmt nicht leicht, aber ich bin mir sicher, dass du über dich, über die Menschen, über die Welt, …und noch so vieles mehr eine Menge gelernt hast.
    Und, dass macht es aus. Es freut mich, sehr zu hören, dass du die Stärke und Reife hast, dass du dies so durchleben konntest und diese schwierige Zeit so gut gemeistert hast.
    Ich finde es einfach toll und bin schon auf die vielen anderen Geschichten gespannt, die du uns bei der nächsten Familienfeier erzählen wirst.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall von Herzen bis dahin, alles Gute und weiterhin solche Lebensbereichernden, über sich hinaus wachsende Momente;)

    Liebe Grüße deine Nina

    so und jetzt kommt unsere liebe Omi

    Hallo, mein lieber Jonathan, dein Bericht war sehr spannend zu lesen und ich freue mich darüber, dass du die Kraft hattest, alles auszuhalten. Aber ich muss dir sagen, dass ich froh bin, wenn ich dich wieder in meine Arme schließen kann!! Ganz viele Grüße und Küsse. deine Oma

  4. Jeannette Wilke

    Lieber Jonathan – heyheyhey, das ist wie ein ganz langer Brief, den ich von Dir lesen durfte. Toll, dass wir die Möglichkeit haben, so zu kommunizieren! Kerstin war vor ein paar Tagen hier und gab mir die Adresse von Deinem Block. Ich bin sehr glücklich über den Kontakt zu Dir und sooo vieles, was Du erzählst, kann ich gut verstehen. Als Detlef vor 2 Jahren nach Tonndorf ging, war es für mich auch eine besondere Erfahrung, der ich mir vorher nicht bewußt war: es fehlten mir unglaublich intensiv die vielen alltäglichen, körperlichen Berührungen. Ich hab Vivian und Aljoscha gebeten, mich zum Knuddeln zu besuchen und hab darüber nachgedacht, wie es so vielen alten Menschen wohl geht. Mittlerweile hab ich mich an mein Single-Leben gewöhnt und Enkelkinder sind auch klasse im Arm.:) Gestern waren wir im Weihnachtsmärchen und Silas brachte einen großartigen Versprecher: „Aladin und die Lumperwampe“ – ich wünsche Dir viele, viele Kinder um Dich rum, Jonathan!!!!Kannst Du Regenwald-Projekte besuchen? Mich hat gerade sehr gerührt, dass auf der Insel Siberut (die größte der Mentawai-Inseln westlich von Sumatra, Indonesien)die dort im Regenwald lebenden Indigenen ihre Wälder, die Ihnen heilig sind, seit Generationen nachhaltig nutzen und schützen. Wenn ich so etwas lese, frage ich mich immer: wer muss hier eigentlich wem ‚Entwicklungshilfe‘ und Unterstützung geben? Das wäre aus meiner Sicht etwas gaaaanz Wertvolles, wenn es Dir vergönnt ist, Kontakt zu Indigenen haben zu können und vielleicht ein wenig von Ihrer Lebenshaltung „einatmen“ zu dürfen, zu lernen dürfen. Gibt es bei Dir Kokosnüsse? Lieber Jonathan, Aljoscha und ich reden oft von Dir und sind viel in Gedanken bei Dir. – Damit will ich meinen elektonischen Brief an Dich hier belassen: fühl Dich mächtig in den Arm genommen!!!! Alles Liebe, Jeannette

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