Weihnachten auf den Philippinen – Die Messe beginnt bereits um 4.30 Uhr
ALAMINOS (von Zacharias Steinmetz). “Christmas starts, when the “ber” months are already there.” Auf den Philippinen rühmt man sich damit, die längsten Weihnachten der Welt zu haben. Ab Anfang September, sobald nämlich die Monatsnamen mit einem “ber” enden, beginnt für den Filipino die Weihnachtszeit.
In den Kaufhäusern dröhnt dann bereits “Jingle Bells” und “Stille Nacht, heilige Nacht” aus den Lautsprechern. Kitschiger Plastikweihnachtsschmuck ist überall erhältlich und so manch ein ungeduldiger Filipino kann gar nicht schnell genug mit der Dekoration der eigenen vier Wände beginnen. Anfang Oktober kann es so schon mal vorkommen, dass man ein herzliches “Merry Christmas and a Happy New Year!” im Voraus gewünscht bekommt.
Zwei Monate später beginnt mit der Adventszeit dann wie in Deutschland auch die heiße Phase des Wartens auf Weihnachten. Adventskränze und -kalender sucht man in philippinischen Haushalten allerdings vergebens. Wirklich präsent ist in dieser Zeit nur die Jugend der Pfarrei. Sobald die Dämmerung anbricht, ziehen sie von Haus zu Haus, von Barangay zu Barangay. Zwei Mal bin ich beim sogenannten Caroling mitgegangen. Von Gitarre und Tamburin begleitet werden Weihnachtslieder gesungen, getanzt und Geld für wohltätige Zwecke gesammelt, ähnlich dem deutschen Sternsingen. Doch verkleiden tut sich hier niemand und auch das Haus bleibt vorerst ungesegnet. Das holt der Pfarrer im Nachhinein professionell bei einer der zahlreichen Haussegnungen nach.
Mitte Dezember beginnt mit der allmorgendliche Misa de Gallo, der Hahnenmesse, der Final Countdown bis Heiligabend. Der Gottesdienst beginnt um 4.30 Uhr. Doch bereits zwei Stunden früher kampieren die ersten Gläubigen vor den Toren der Kirche. Selbst die Hähne scheinen zu dieser frühen Stunde noch zu schlafen.
Mein Wecker klingelt um vier Uhr morgens. Ich quäle mich aus dem Bett, mache mich fertig und nippe kurz an meinem Kaffee, ehe ich mich zu den übrigen Frühaufstehern in die Kirche geselle. Das Gotteshaus ist brechend voll, Sitzplätze sind nur noch Mangelware. Wer mitgedacht hat, sitzt auf einem mitgebrachten Klappstuhl. Viele stehen die ganze Messe über. So läuft man wenigstens nicht Gefahr, zwischendurch einfach einzuschlafen. Ich habe Glück und ergattere noch einen freien Platz zwischen den anderen Jugendlichen in der Chorbank.
Auch im Waisenhaus herrscht mittlerweile der vorweihnachtliche Ausnahmezustand. Die Weihnachtsfeier der Missionarinnen der Nächstenliebe gab unlängst den Auftakt zu den ersten Weihnachtsvorbereitungen hinter den Mauern des Konvents. Seitdem kehrt nur noch selten Ruhe ein. Beinahe stündlich kommen neue Besucher. Sie singen Weihnachtslieder, bringen Essen und Geschenke. Gerade zu den Festtagen scheinen viele der etwas Reicheren ihr schlechtes Gewissen mit dem Verteilen wohltätiger Gaben erleichtern zu wollen. Schnell wird das bunte Geschenkpapier aufgerissen und es kommen Süßigkeiten und billiges Plastikspielzeug aus China zum Vorschein. Nach weniger als zehn Minuten des ausgiebigen Spielens ist es kaputt und landet unbeachtet in der nächsten Ecke, wo es geduldig darauf wartet von mir in den Mülleimer befördert zu werden. Dieses Geld hätte man bestimmt auch sinnvoller investieren können.
Die Besucher gehen. Was bleibt, ist ein aufgescheuchter Haufen Kinder. Während sich die einen lautstark um die wenigen noch ganz gebliebenen Geschenke streiten, bekommen zwei unserer schwer behinderten Kinder einen spastischen Anfall. Inmitten all des Chaos steht eines der kleineren Mädchen und macht sich vor Aufregung in die Hose, obwohl sie schon längst trocken ist. Das ist der pure Stress für die Betreuerinnen und mich.
Im Waisenhaus sucht man im Advent vergebens nach Besinnlichkeit. Wirkliche Weihnachtsstimmung will bei dreißig Grad im Schatten, ohne Weihnachtsbaum, Plätzchen und Glühwein ohnehin nicht recht aufkommen. Doch es besteht noch Hoffnung. Vielleicht kommt eine entsprechende weihnachtliche Atmosphäre noch in letzter Minute auf. Zeit bleibt noch bis zum Morgen des 25. Dezember. Erst dann werden auf den Philippinen nämlich ganz nach amerikanischem Vorbild die Geschenke überreicht.
________________________________
Der Wehrheimer Zivildienstleistende Zacharis Steinmetz berichtet für den Usinger Anzeiger in unregelmäßigen Abständen von seiner Arbeit und seinen Erfahrungen in der philippinischen Provinz.
www.maka-tao.de
erschienen am 28. Dezember 2009 im Usinger Anzeiger