Wehrheimer Zivildienstleistender berichtet von seiner Arbeit in der philippinischen Provinz
ALAMINOS/WEHRHEIM (von Zacharias Steinmetz). Ketsana, Parma, Mirinae – wohl klingen ihre Namen, doch ihre Wirkung ist verheerend. Die vergangenen Wochen waren gezeichnet von immer wiederkehrenden Taifunen. Mit ihnen kamen Regen, Überschwemmungen und Erdrutsche.
Jetzt neigt sich auch unser einmonatiger Sprachkurs in Manila seinem Ende zu. Als Tropensturm Ketsana über die Millionenmetropole hereinbricht, sind wir zufällig gerade im etwa 60 Kilometer entfernten Bergort Tagaytay bei einem befreundeten Priester zu Besuch. Im Hochland kann das Wasser ungehindert abfließen. Über den überfluteten Expressway gelingt uns ungeachtet dessen aber erst am darauffolgenden Tag die Rückkehr nach Manila. Die Anspannung ist dort allgegenwärtig. Obwohl das Wasser in vielen Stadtteilen schon wieder abfließt, sind einige Gegenden noch immer überschwemmt und nur schwer bis gar nicht erreichbar.
Einige Tage später beginnt unser eigentlicher Freiwilligendienst im Bistum Alaminos. Mitte Oktober trifft dann Taifun Parma auf die philippinischen Inseln. Diesmal sind vor allem die nördlichen Provinzen Luzons von den Ausmaßen dieses neuen Unwetters betroffen. Auch in Salasa, meinem neuen Wohn- und Einsatzort, steigt das Wasser. Die benachbarten Barangays werden evakuiert. Die Kirche wird über Nacht zum Flüchtlingslager. Ängstlich kauern sich die ersten Familien auf den Kirchenbänken zusammen, ihr Hab und Gut um sich geschart. Schlafstätten werden errichtet. All ihr Handeln unterliegt einer erstaunlichen Routine.
Am darauffolgenden Tag erreicht das Hochwasser den Ortskern von Salasa. Vereinzelte Straßenabschnitte und Grundstücke sind bereits überschwemmt. Die persönlichen Reisvorräte der in der Kirche Schutz suchenden Menschen gehen allmählich zur Neige. Der Nachschub gerät ins Stocken. Schnell ist klar: Die ursprünglich für die Taifunopfer in Manila geplanten Hilfsgüter müssen hier bleiben. Mit Hilfe der philippinischen Caritas werden die Carepakete außerdem noch einmal aufgestockt und direkt an die betroffenen Familien der Pfarrei verteilt.
Während es in Salasa zu dämmern beginnt, erreicht das Hochwasser schließlich den Kirchhof. Auch in der Eingangshalle des Pfarrhauses nehmen die Pfützen beständig an Größe zu. In dieser Nacht finde ich nur wenig Schlaf. Zwar liegt mein Zimmer im ersten Stock auf hochwassersicherem Terrain, angesichts der vielen Menschen unten in der Kirche fällt es mir allerdings schwer meine innere Ruhe zu finden.
Ich lasse das Frühstück am nächsten Morgen ausfallen und erkundige ich mich zuallererst nach dem aktuellen Wasserstand. Ich gehe vom Schlimmsten aus, doch erstaunlicherweise ist das Wasser über Nacht kaum merklich gestiegen. Auf der Straße steht es jetzt etwa einen Meter hoch. Trotz starker Beeinträchtigungen geht das Leben in Salasa unerschütterlich weiter. Die Trauergäste einer für heute geplanten Beerdigung scheinen nur widerwillig verstehen zu wollen, dass der Verstorbene nicht auf einem unter Wasser stehenden Friedhof beigesetzt werden kann. Hinzu kommt, dass die Kirche noch immer mit Flüchtlingen bevölkert ist. Eine standesgemäße Trauerfeier scheint in dieser Umgebung nur schwer vorstellbar. Viele Dorfbewohner sind inzwischen auf wassertüchtige Fahrzeuge umgestiegen und erledigen so alle notwendigen Besorgungen. Andere nehmen das Wasser dagegen einfach hin und waten anstandslos durch die trübbraune Brühe.
Schon der nächste Tag bringt Veränderungen. Über Nacht ist das Hochwasser zurückgegangen und einem dickflüssigen braunen Schlamm gewichen. Aufräumarbeiten sind in vollem Gange. Wenige Stunden später verlassen die ersten Familien die Kirche.
In den Highlands Nordluzons, knappe hundert Kilometer entfernt, setzten die starken Regenfälle Erde in Bewegung. Bei einem Kurzausflug in die Region erinnert noch immer vieles an die Ereignisse der letzten Wochen. Ganze Streckenabschnitte sind zerstört. Bauarbeiter befreien die Straßen mit schwerem Gerät von meterhohen Erdhaufen.
Zusätzlich verursachte Tropensturm Mirinae unlängst schwere Überschwemmungen in Südluzon. Wieder trifft es besonders die Armen in ihren ungeschützten Wellblechhütten. Salasa wird eine weitere Hilfsaktion starten. Hoffentlich können wir es uns diesmal erlauben, die Hilfsgüter auch wirklich wegzugeben.
erschienen am 6. November 2009 im Usinger Anzeiger