Im Waisenhaus der “Missionarinnen der Nächstenliebe” in Dagupan geht es alles andere als beschaulich zu
ALAMINOS /WEHRHEIM (von Zacharias Steinmetz). Wenigstens zu meinem ersten Arbeitstag möchte ich einigermaßen pünktlich erscheinen. Da Busse auf den Philippinen aus Prinzip nicht nach Fahrplan fahren, stehe ich sicherheitshalber etwas früher auf. Meine Sorge bleibt unberechtigt. Viel zu früh erreiche ich das Waisenhaus der Missionarinnen der Nächstenliebe in Dagupan. Vier Mal die Woche werde ich von nun an hier arbeiten.
Ich gehe davon aus, mit einfachen Praktikantentätigkeiten zu beginnen: Putzen, Teller spülen, Aufräumen, Kaffee kochen. Doch es wird alles anders. Im Kinderheim angekommen werfen mich die Erzieher direkt ins kalte Wasser. Ich bekomme nur einen einzigen, auf den ersten Blick vielleicht simpel wirkenden Arbeitsauftrag: “Spiele mit den Kindern!” – Ha, nichts leichter als das. Ein Kinderspiel! Doch bereits das überfordert mich sichtlich. Wie um Himmelswillen soll ich mich nur mit einem Haufen kleiner Kampfzwerge im Alter von zwei bis sieben Jahren beschäftigen? Ich habe so etwas doch noch nie gemacht, keinerlei Erfahrung! Und ich bin alles andere als ein geborener Kindergärtner. Ehe ich mich recht versehe, habe ich etwa zehn Kinder an mir hängen. Unter johlendem Geschrei klammert sich die Vorhut der Spezialeinheit “Waisenhaus” an meiner Hose und meinem T-Shirt, an meinen Armen und Beinen fest. Ich höre nur noch, wie sie mich nach meinem Namen fragen. Zugriff! Alles Weitere geht im heillosen Stimmengewirr unter. Genuscheltes Tagalog aus Kindermündern ist ohnehin nur schwer verständlich. Zimperlich darf man hier nicht sein. Schnell bin ich von Kopf bis Fuß mit Kindersabber, Dreck und Essensresten beschmiert. Gedanken an Flöhe, Läuse oder Erkältungskrankheiten sollten besser gar nicht erst aufkommen. Ich halte die Kleinen zunächst mit Hoppe-Hoppe-Reiter bei Laune. Später lasse ich sie schaukeln und rutschen. Immer wieder muss ich darauf achten, dass sich die Kleinen nicht mit den großen Steinen und spitzen Stöcken aus dem Hof gegenseitig umbringen. Andere Spielzeuge gibt es kaum und so werden die Kinder eben kreativ. Ein Traum für jeden deutschen Waldorfkindergarten. Allerdings scheinen die hiesigen Verantwortlichen dabei nicht unbedingt ein Auge auf die Sicherheit ihrer Schützlinge zu haben. Dass fast jedes zweite Kind mindestens eine Narbe am Kopf hat, ist so nicht weiter verwunderlich.
Zum Mittagessen bekomme ich wortlos eine Schüssel in die Hand gedrückt. Sie ist mit einer schwer definierbaren Reis-Nudel-Fischpampe gefüllt. Erleichterung macht sich breit, als mir klar wird, dass der Brei nicht für mich gedacht ist. Vielmehr soll ich damit eines der kleineren Kinder füttern. Fürs Erste klappt das erstaunlich gut. Es scheint ihm zu schmecken. Doch nicht lange: Die Hälfte der Pampe ist noch in der Schüssel, da scheint der Junge es plötzlich interessanter zu finden mit dem Essen zu spielen als es wirklich zu essen. Das Mittagessen hat sich für ihn damit erledigt. Natürlich ist das Geschrei groß. Bei einem weiteren Kleinkind stelle ich erstaunt fest, dass es schon gut alleine essen kann und dies auch bedeutend lieber tut als sich füttern zu lassen. Ich passe nur noch auf, dass nichts danebengeht. So macht Arbeit Spaß.
Nach dem Mittagessen halten die Kinder Siesta und so beginnt nun auch für mich die ruhige Zeit des Tages. Weil die Kinder nach ihrer zweistündigen Mittagspause nur noch für etwa eine Stunde beschäftigt werden müssen, lohnt es sich für mich nicht extra dafür noch einmal zurückzukommen.
Ein typischer erster Tag in einem neuen Job geht zu Ende. Ob ich meine Bewährungsprobe bestanden habe, weiß ich noch nicht. Zukünftig würde ich mich über ein bisschen mehr Unterstützung und Kommunikation mit den Betreuern freuen. Ein Gefühl des Zusammenarbeitens kam bis jetzt nämlich noch nicht auf. Aber vielleicht ist das auch ein bisschen viel verlangt für einen ersten Tag.
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Der Wehrheimer Zivildienstleistende Zacharias Steinmetz berichtet in unregelmäigen Abständen für den Usinger Anzeiger von seiner Arbeit und seinen Erlebnissen in der philippinischen Provinz.
erschienen am 28. November 2009 im Usinger Anzeiger