Der Wehrheimer Zacharias Steinmetz erlebte den Wahlkampf auf den Philippinen hautnah
WEHRHEIM/BOLINAO (von Zacharias Steinmetz). Die heiße Phase hat begonnen. Am letzten Wochenende vor den großen Wahlen erreicht die politische Stimmung in der philippinischen Bevölkerung ihren Höhepunkt. Da vom Präsidenten bis zum Stadtrat im ganzen Land neue Volksvertreter gewählt werden, buhlen die Politiker überall und bei jeder Gelegenheit um die heiß begehrten Wählerstimmen.
Häuserwände sind zugepflastert mit Wahlplakaten. Jeepneys fahren mit mobilen Lautsprechern durch die Straßen und werben mit eingängigen Melodien lautstark für ihren Kandidaten. Zeitgleich gehen Vertreter der verschiedenen Parteien von Haus zu Haus, um die Bürger von ihrer Sache zu überzeugen. In Radio und Fernsehen reiht sich ein Wahlwerbespot an den nächsten. Sogar Prominente bekennen sich öffentlich zu ihrem ganz persönlichen Favoriten. Allerorts wird diskutiert und politisiert. Jeder identifiziert sich mit T-Shirts, Armbändern und anderen Merchandise-Artikeln stolz mit seinem Lieblingskandidaten. Einflussreiche Sympathisantengruppen, wie beispielsweise der philippinische Motoradclub, demonstrieren durch Blockaden ganzer Hauptverkehrsstraßen mit Tricycles und Motorrädern die Macht ihrer Stimme. Dementsprechend langsam kommt man in diesen Tagen vom Fleck. Zusätzlich wird in bestimmten Regionen derzeit auch gerne mal der Strom für ein paar Stunden abgestellt, um die dortige Bevölkerung auf Kurs zu halten.
In einigen Gegenden, sogenannten Hotspots, kommt es darüber hinaus immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern verschiedener Parteien. Es kam bereits zu Toten und Verletzten. Interessant ist dabei, wie sich die Wahlkandidaten der einzelnen Parteien zu den Zwischenfällen äußern. Während die einen sie aufs Schärfste verurteilen, schauen andere kommentarlos weg. Man munkelt sogar, dass so manch ein Kandidat persönlich hinter den politisch motivierten Morden steht.
Am Wahltag selbst strömen die ersten Wähler ab sieben Uhr morgens in die Wahllokale. Nur wenig später bereiten auch wir uns auf unsere Aufgabe an diesem Tag vor. Mit Kamera und Notizblock begleite ich den hiesigen Pfarrer bei der Wahlbeobachtung in den Barangays.
Wie bereits in der Testphase absehbar, gibt es vielerorts Probleme mit den elektronischen Wahlautomaten. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen und Ausfällen. Schnell bilden sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Einige Wähler müssen bis zu drei Stunden warten, um ihre Stimme abgeben zu können. Neben den eigentlichen Hauptakteuren des Tages, nämlich den Wählern, wimmelt es zudem überall von Wahlbeobachtern. Das katholische PPCRV (Parish Pastoral Council for Responsible Voting) stellt mit seinen Freiwilligen dabei – abgesehen von Beauftragten der Regierung und Repräsentanten der einzelnen Parteien – eine der wenigen wirklich unabhängigen Wahlbeobachtungsorganisationen. Deren Mitglieder beobachten das Geschehen vor Ort aufmerksam und versuchen alles in ihrer Macht stehende zu tun, um eine reibungslose Stimmabgabe zu gewährleisten. Obwohl der Wahltag in Pangasinan, anders als in anderen Provinzen, weitgehend friedlich verläuft, sind auch hier Last-Minute-Wahlkampf noch während des Wahlganges und Stimmenkauf allgegenwärtig. Als Vorsitzender des PPCRV fragt der Priester bei unseren kurzen Besuchen die aktuelle Lage von den örtlichen Wahlbeobachtern ab und versucht sich ein grobes Bild über den Stand der Dinge zu machen. Regelverstöße werden direkt dokumentiert.
Aufgrund der andauernden Verzögerungen durch die neuen Wahlautomaten wird die Schließung der Wahllokale von offizieller Seite spontan um eine Stunde nach hinten verschoben. Ab 19 Uhr gibt es dann die ersten Hochrechnungen. Mit großer Spannung verfolgen wir im Fernsehen die sich im Minutentakt verändernden Prozentzahlen. Nebenbei trudeln immer mehr Wahlbeobachter aus ihren Barangays ein und bringen die lokalen Wahlergebnisse mit. Auf großen Tafeln sammeln wir die Stimmen.
Gegen Mitternacht steht dann das vorläufige Endergebnis fest. Noynoy Aquino, Sohn der im Volk überaus beliebten, ehemaligen Präsidentin Cory und des Nationalhelden Ninoy Aquino, hat das Rennen gemacht. Er gilt als die neue Hoffnung für die Philippinen. Mit seinem Slogan „Wenn niemand korrupt ist, ist auch niemand arm“ will er ein Land, das umgerechnet mehrere zehn Millionen Peso jährlich allein durch Korruption verliert, mit mehr Transparenz und sozialer Gerechtigkeit aus der lang anhaltenden Krise führen. Da kann man wirklich nur hoffen, dass er damit Erfolg hat.
________________________________
Der Wehrheimer Zivildienstleistende Zacharias Steinmetz berichtet in unregelmäßigen Abständen von seiner Arbeit in der philippinischen Provinz.
www.maka-tao.de
erschienen am 17. Mai 2010 im Usinger Anzeiger