Wehrheimer Zivildienstleistender berichtet von seiner Arbeit in der philippinischen Provinz
ALAMINOS/WEHRHEIM (von Zacharias Steinmetz). Es sind die “Orientierungstage”. Wir begleiten die Verantwortlichen des lokalen Social Action Centers bei einem ihrer Besuche in die abgelegenen Gemeinden des Bistums. Zu viert quetschen wir uns auf die Rückbank eines rostigen Toyota Pick-ups. Die Hektik der belebten Stadt hinter uns lassend, tauchen wir ein ins saftige Grün der vorbeirauschenden Reisfelder und Palmenwälder. Staunend nehmen wir die neuen Eindrücke dieser einzigartigen Landschaft in uns auf.
Nach einiger Zeit erreichen wir ein kleines Dorf. Wellblechhütten drängen sich dicht am Straßenrand. Zwischen einfachen Behausungen steht eine kleine Dorfschule. Außerdem gibt es eine Kirche und einen Tante-Emma-Laden, hier Sari-Sari-Store genannt. Für die Bewohner der umliegenden Siedlungen ist dieses Dorf Anlaufstelle für die Bedürfnisse des täglichen Lebens. Wir legen einen kurzen Zwischenstopp ein und betreten die kleine Grundschule. In den Augen der Lehrer ist Verwirrung zu lesen: Was wollen zwei weiße Jugendliche in dieser abgelegenen Gegend? Die Kinder starren uns mit großen Augen an und folgen jedem unserer Schritte. Gerade für sie sind wir mit unserer hellen Haut wohl ein besonders ungewohnter Anblick. Wir sprechen mit der Schulleiterin. Die untersetzte Frau führt uns durch die kleine Schule. Stumm folgen wir ihr. Sie deutet auf vom Taifun zerstörte Klassenzimmer. Dächer fehlen, sind nur provisorisch wieder zusammengeflickt. Ein Klassenraum ist noch immer völlig zerstört. Sie seien auf der Suche nach einem Spender, um die Schule wieder aufzubauen, erklärt eine Lehrerin und schaut dabei voller Erwartung zu uns hoch. Es ist nicht leicht, ihr verständlich zu machen, wie sehr unsere Mittel als internationale Freiwillige doch begrenzt sind. Eine peinliche Pause entsteht. Wieder einmal werden wir uns auf schmerzhafte Art und Weise unserer Hilflosigkeit bewusst.
Wir setzen unsere Reise zu einem der abgelegenen Barangays an der Küste des südchinesischen Meeres fort. Ähnlich einer Siedlung stellt ein Barangay die kleinste sozio-politische Verwaltungseinheit auf den Philippinen dar. Anfangs noch auf asphaltierten Straßen geht es bald nur noch über steinige und vom Regen ausgewaschene Buckelpisten weiter. Bald endet die befahrbare Strecke vollends und wir gehen zu Fuß auf schmalen Trampelpfaden weiter. Rechts und links des Weges sind Netze durch riesige Wasserbassins gespannt. Nach einem halbstündigem Fußmarsch erreichen wir die ersten Hütten. Im Hafen liegen vereinzelte Boote vor Anker. Fisch und andere Meerestiere trocknen auf dem Weg. Überall liegt Müll. Marode Stromleitungen verbinden auf Holzpflöcken befestigt ein Haus mit dem anderen. Es riecht streng.
Die Menschen hier leben am Existenzminimum. Mit Fischfang und Meersalzgewinnung verdienen sie gerade mal ein paar Pesos pro Tag – ein Einkommen von umgerechnet nur wenigen Dollar. Es reicht kaum, um die Familie durchzubringen. Dorfbewohner sitzen vor ihren einfachen Behausungen: Alte, Kranke, Frauen und Kinder. In unüberhörbarer Verwunderung stupsen sie sich gegenseitig an. Ich meine ein halblautes “Amerikano!” im hinteren Teil einer Hütte zu vernehmen. In den Augen der hiesigen Bevölkerung sind alle Weißen Amerikaner. Schließlich sprechen wir fast die ganze Zeit Englisch.
Der sogenannte Barangay-Captain, das gewählte Oberhaupt dieser Siedlung, empfängt uns mit freudestrahlendem Gesicht. Entgegen meinen Erwartungen handelt es sich bei diesem Barangay-Captain um eine Frau. Sie weist uns den Weg in eine der Wellblechhütten. Wir lehnen einen Kaffee ab und nehmen nur etwas Wasser. Die gegenseitige Neugier verdrängt die anfängliche Schüchternheit. Informationen werden ausgetauscht. Ein kleiner Junge sitzt zu unseren Füßen. Eine stumpfe Nadel in den Händen haltend flickt er geschickt ein löchriges Fischernetz. Je länger wir dort sitzen, desto mehr Menschen gesellen sich zu uns. Es kommen ausschließlich Frauen mit ihren kleinen Kindern. Kaum einer kann sich die Kosten für die weiterführende Schule leisten. Die heißbegehrten Stipendien des Bistums sind rar.
Nach etwa einer Stunde verlassen wir das Fischerdorf – schweren Herzens. Die Erlebnisse wirken noch lange nach.
Weitere Infos im Internet:
www.maka-tao.de
erschienen am 23. September 2009 im Usinger Anzeiger